HISTORISCHESAuch jetzt, wo die Nazis längst das Hausgeräumt haben und in Eningen somit der braune Spuk durch das Zusammenwirken vieler Kräfte in der Initiative Eninger BürgerInnen gegen ein Nazizentrum sein Ende gefunden hat ist diese Geschichte zeitlos interessant. Sie erhellt, wie es überhaupt zu der so folgenreichen Nazi-Erbschaft der "Villa Krieg" kam.
TAZ vom 12.4.2001 REPORTAGE
1994 war ein gutes Jahr für NPD: Sie erbte eine Villa in der baden-württembergischen Kleinstadt Eningen. Zu verdanken hatte sie das den Schwestern Frieda und Charlotte Krieg. Ein jahrzentelanger Familienstreit mit der dritten Schwester Lena Krieg ging dem Vermächtnis voraus.
Aus Eningen HENNING KOBER
Das Grab
der Schwestern Krieg auf dem Eninger Friedhof ist schwer zu finden. Ein Gärtner
weist die Richtung: "Die sind im alten Teil. Sind Sie Journalist?"
Unter einer Birke liegt das Familiengrab der Kriegs. Ein moosbewachsener kleiner
Grabstein erinnert an den Vater Gottfried. Für Frieda und Charlotte gibt
es keinen Stein. Eigentlich müsste die NPD dafür aufkommen. Das
haben die beiden Schwestern in ihrem Testament so verfügt. Anlass zur
Dankbarkeit hätte die Partei genug. Denn 1994 erbte sie neben der Krieg'schen
Jugendstilvilla einen Bauplatz und 2oo.ooo Mark in bar. Das bewahrte die finanzschwache
NPD vor der Selbstauflösung.
In der Kleinstadt am Rand der Schwäbischen Alb kennt fast jeder Frieda
und Charlotte Krieg. Doch erzählt wird nur widerwillig. "Mein Name
lasset se aber fei weg"heißt es allerorten. Auch der parteilose
Bürgermeister, Jürgen Steinhilber, redet nur ungern über die
NPDLandesgeschäftsstelle in seinem Ort. Genau erinnert er sich noch an
den Anruf im Februar 1994. DerTestamentsverwalter Günther Fahrbach überbrachte
schlechte Nachrichten: Das Grundstück der Schwestern Krieg in der Schillerstraße
13 sollte eine NPD-Begegnungsstätte mit dem Namen "Geschwister-Krieg
Zentrum" werden.

Frieda (rechts) und Charlotte Krieg 1977. Frieda gab ihre künstlerischen Ambitionen auf, als der Vater 1924 starb.
Sie wurde Lehrerin. Charlotte übernahm den Haushalt.
Es war
nicht der erste Dorfskandal, den Frieda und Lotte Krieg verursachten. 1953
beschreibt ein Journalist unter dem Pseudonym Peter Hell im Eninger Heinialboten,wie
die beiden ihre dritte Schwester, die Kommunistin Lena Krieg, um ihr Erbe
prellten und aus dem Elternhaus trieben. Lena lebte fortan in einem Gartenhaus
ohne Heizung neben der Villa.
Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten ist Lena ein lebenslustiger
Mensch. Fasziniert von den Ideen Karl Marx, studiert die junge Frau am Frankfurter
Institut für Sozialforschung Nationalökonomie. Sie beginnt eine
Doktorarbeit zum Thema Utilitarismus, ihr Doktorvater ist Max Horkheimer.
Lena beschreibt Hitlers Machtübernahme als "Unglück",
während Frieda voller Eifer am 1. Januar 1933 in die NSDAP eintritt und
die erste Eninger Frauenschaftsführerin wird. 1933 schreibt Lena an ihre
Schwestern: Tut mir leid für so eine Gesinnung, und ihr tut euch selbst
auch Leid an damit". Doch Frieda und Lotte sind längst begeisterte
Verehrerinnen des "lieben Herrn Hitlers". Diese Egebenheit überdauert
den Krieg. "Das mit den Juden hat er nicht gewusst"nimmt Frieda
ihren Führer einer Nachbarin gegenüber in Schutz. Auch wird von
einer frühen Begegnung Friedas mit Hitler in München erzählt.
"Der ist da noch in Seppihosen im Bierkeller rumgesprungen, und Frieda
war so beeindruckt, dass sie ihm einen Zehnmarkschein in die Hand gedrückt
hat", erinnert sich eine Nachbarin.
Nach der Machtergreifung durch die Nazis wird es eng für das Institut
für Sozialforschung. Max Horkheimer emigriert 1933 in die USA. Auf Lena
Krieg wird die Gestapo aufmerksam. Weil sie einem jüdischen Freund bei
der Emigration nach London hilft, darf sie nicht weiterstudieren und muss
ihre Doktorarbeit abbrechen. Ohne Geld und festen Beruf bleibt ihr nur der
Weg zurück nach Eningen ins Elternhaus. Mit offenen Armen wird sie dort
nicht empfangen, erinnert sich eine Freundin. Wenn du einen Muckser machst,
dann landest du im Gefängnis, ich brauch nur laut zu atmen, soll Frieda
zu Lena gesagt haben. Geschickt haben sie und Lotte zuvor die herzkranke Mutter
dazu gebracht, ihnen den gesamten Besitz zu überschreiben. Lena geht
leer aus. Gedemütigt und verängstigt zieht sie sich in die Dachkammer
des Elternhauses zurück.
Das reicht Frieda nicht, sie will die Schwester loswerden. Als sich Lena nach
Ausbruch des Zweiten Weltkrieges tagelang in ihrem Zimmer verkriecht, lässt
Frieda sie mit Hilfe ihrer Parteifreundin, der Ärztin Dr. Berg, in eine
psychiatrische Klinik in Tübingen einweisen. Der verantwortliche Professor
beobachtet zwar Symptome, die möglicherweise auf Schizophrenie schließen
lassen. Doch für eine Einweisung in eine geschlossene Anstalt sieht er
keinen Anlass. Lena kann zurück nach Eningen.
Die Ursachen für Friedas Hass gegen ihre Schwester Lena liegen weit zurück.
Die Ehe zwischen der vermögenden Schweizerin Karoline Magdalene Seyser
und dem Schulmeister Gottfried Krieg steht unter keinem guten Stern. Zur Hochzeit
kommt es nur, weil Frieda unterwegs ist. Mit 20.000 Goldmark aus der Mitgift
der Frau baut das junge Ehepaar in einem Weinberg vor den Toren Eningens ein
herrschaftliches Anwesen, einem Schweizer Chalet nachempfunden.

Die Eninger Villa, kurz nach ihrer Fertigstellung.
Von frühesten
Kindestagen an denken die Eltern jedem der drei kleinen Mädchen eine
bestimmte Rolle zu.. Frieda genießt die klassische Ausbildung für
höhere Töchter: Nach der Realschule zwei Jahre Internat am Genfer
See und Aufenthalt in einem italienischen Adelshaus. Lena, Liebling des Vaters,
darf Abitur machen und danach nach Chicago zu Bekannten reisen. Lette soll
sich nach der Volksschule um Haus und Eltern kümmern.
Doch es kommt anders. Die Inflation entwertet 1923 Geld und Aktien, und als
der Vater 1924 überraschend stirbt, müssen die Töchter für
den Farnillenunterhalt sorgen, Während Lotte bereitwillig das entlassene
Hauspersonal ersetzt, Frieda ihre Träume von einer Künstlerkarriere
begräbt und widerwillig Lehrerin wird, begeistert sich Lena für
die Russische Revolution und beginnt zu studieren. Ungerecht findet die als
verklemmt beschriebene Frieda das Verhalten ihrer Schwester Lena, die ohne
konkrete Berufsabsichten nach Frankfurt an die Universität geht.Ihre
Unzufriedenheit mit der eigenen Situation findet in der Schwester eine ideale
Projektionsfläche, zumal die so unkompliziert mit Männern umgeht.
Friedas Hassgefühle ihrer Schwester Lena gegenüber sitzen so tief,
dass sie während der Kriegsjahre weitere Versuche unternimmt, Lena für
unzurechnungsfähig zu erklären. Nur durch eine Heirat mit HAP Grieshaber
kann Lena sich der Gefahr entziehen. Der berühmte Holzschneider und Maler
ist Kopf einer Gruppe Reutlinger und Tübinger Expressionisten, die unter
dem Einfluss Max Beckmanns stehen. Lena kennt ihn aus Jugendtagen.Grieshaber,
der im NS-Regime als "entarteter Künstler" gilt und Mitglied
der KP war, gestaltet mehrere liebevolle Malbriefe an seine "Osiris",
wie er Lena nennt. Er schreibt ihr: "Wir haben beide gelernt und sind
lebendig geblieben unter all den Pappdeckelfiguren um uns herum".
Doch die Liebe überdauert den Krieg nur kurze Zeit. Als sich Grieshaber
1951 scheiden lässt, bricht für Lena eine Welt zusammen. Wieder
bleibt ihr nur der Weg zu den Schwestern. Die lassen ihr nur noch Platz im
Gartenhaus.

Nachdem es Charlotte und Frieda nicht geschafft hatten, Lena für unzurechnungsfähig erklären zu lassen,
schoben sie sie in das Gartenhaus ab. Dort gab es nicht einmal eine Heizung.
Zu einer
Versöhnung zwischen den drei Schwestern kommt es bis zu LenasTod 1981
nicht. Trotzdem bleiben sie auf merkwürdige Art aneinander gekettet.
Auch Lena gelingt es nicht mehr, der Eninger Enge zu entkommen. Die Scheidung
von Grieshaber macht sie zu einer verschrobenen, ständig zwischen kampfeslustigem
Lebenswillen und depressiver Todessehnsucht schwankenden Frau. Mit Nachhilfeunterricht
und dem Austragen von Zeitungen hält sie sich mehr schlecht als recht
über Wasser Ihre Schwestern Frieda und Lotte eifern für das "Vierte
Reich", bewirten den ersten NPD-Parteichef Adolf von Thadden und unterstützen
den Rechtsextremisten Manfred Roeder mit großzügigen Spenden, als
könnten sie so die verhasste Schwester Lena noch mehr demütigen.
Frieda stirbt 1984, zuvor verfasst sie gemeinsam mit Lotte das Testament,
das die NPD begünstigt.
In der halb verfallenen Scheune neben der Villa modern heute Unmengen von
Büchern: Brecht, Marx, Lenin. Es sind Lenas geliebte Bücher. Frieda
und Lotte haben sie nach ihrem Tod der NPD vermacht.